Donnerstag der 07.06.07

Vorschau

Heute geht’s in den Iran. So früh am Morgen sind wir die einzigen auf der Straße. Erst in Bereich der Grenzanlage stehen kilometerlange LKW-Schlangen in zwei bis drei Spuren. Wer sich das mal auf google earth ansehen will, die Grenzstation findet er bei 39,32 Grad Nord und 44,06 Grad Ost.

Für uns mit unserem Bus dauert die Ausreisekontrolle nur eine knappe halbe Stunde. Nicht vergessen, das Auto muss wieder aus dem Reisepass ausgetragen werden. Dann öffnen sich zwei hohe Rollgitter und wir sind auf Iranischer Seite.

Hier stehen wir als dritter in der Abfertigungsreihe. Es dauert. Nichts geschieht. Allmählich treffen andere Passanten ein. Die meisten zu Fuß, die Reisebusse werden extra abgefertigt. Noch immer macht keiner Anstalten uns abzufertigen. Da erscheint ein gut gekleideter Herr. Mich erinnert er an den jüngeren Roy Black: große Augen, schwarze Haare, Kinngrübchen, Dreitagebart und immer ein breites, gewinnendes Lächeln im Gesicht.

Er begrüßt uns mit Handschlag lässt sich unsere Pässe aushändigen und nun geht alles sehr flott. Die Zollkontrolle ist ein Witz, keine Frage nach Alkohol, keine nach pornographischer Literatur.

Hinter uns, vier Iraner aus Holland, müssen ihren ganzen Wagen ausleeren. Die Bearbeitung unserer Papiere, einschließlich des Carnet`s de Passage, dauert höchstens 30 Minuten. So ein Carnet ist die Bescheinigung dafür, dass wir den materiellen Wert unseres Fahrzeuges bei einer Bank hinterlegt haben. Sollten wir aus irgendeinem Grund das Land ohne unser Auto verlassen wollen, ist der Staat Iran berechtigt das Geld einzuziehen. So will man scheinbar dem Fahrzeugschmuggel entgegenwirken. Die Ausstellung dieses Papiers in Deutschland erledigt der ADAC.

Am Ende der ganzen Prozedur zwängt „Roy“ sich neben Günter auf den Beifahrersitz und wir fahren gemeinsam an langen LKW Kolonnen vorbei zum letzten Kontrollpunkt. Unterwegs winken uns zwei Fahrradfahrer mit lautem Hallo zu. Zwei Deutsche auf den Weg aus dem Iran in die Türkei. Es gibt noch andere verrückte Leute auf der Welt.

Am letzten Kontrollpunkt werden nochmals die Pässe in Augenschein genommen, noch ein Stempel, der letzte Schlagbaum hebt sich und wir sind im Iran!

Roy Black steigt aus dem Wagen, streckt die Hand durch das geöffnete Fenster und mit gewinnendem Lächeln, wie wir nicht anders von ihm gewohnt, verlangt er 100 Dollar!

Ein Aufschrei von Günter und mir.

„Oh, this is normal.“

Noch ein Aufschrei.

Roy geht auf neunzig Dollar runter, uns ist das immer noch viel zu viel. Wir einigen uns schließlich auf 30 Dollar. Günter kramt das Geld aus irgendeinem Versteck im Auto und übergibt es Roy. Der nimmt sie, bedankt sich höflich mit Handschlag bei uns und geht.

Natürlich haben wir ihm zuviel Geld bezahlt, zumal von Bezahlung vorher keine Rede war, wir ja nicht mal wussten, dass der freundliche junge Mann ein freiberuflicher Schleuser war. Andererseits sind so schnell durch die Zollabfertigung gekommen wie keiner von uns sich je hätte träumen lassen. Außerdem bin ich sicher: der arme Roy wird noch einiges bei seinen uniformierten Freunden abdrücken müssen.

Wer als Tourist in den Iran reisen will, braucht eine Einladung. Nicht anders als umgekehrt jeder Iraner der nach Deutschland will eine Einladung braucht.

Wer niemanden kennt, der ihn einlädt, der kann sich auch zwei Nächte in einem Hotel buchen. Diese Hotelbuchungen werden als Einladung akzeptiert.

Für die Türkei gelten solche Vorschriften übrigens nicht. Wer Zeit hat, der kann sich also sein Iranvisum in Ankara oder Istanbul ausstellen lassen und braucht auch als Deutscher keine Einladung vorzuweisen.

Solche speziellen Vorschriften für verschiedene Staaten gibt es genug und wer Geld sparen will, besorgt sich seine Visa erst vor Ort, im jeweiligen Nachbarland. Da sind diese Vorschriften in der Regel weniger streng. Das nimmt aber immer Zeit in Anspruch. Die Ausstellung der Visa geht in anderen Ländern eher langsamer als bei uns.

Da für uns Zeit und Planungssicherheit eben doch eine Rolle spielen, blieb uns nur der Weg über die Hotelbuchungen. Es ist nachher im Iran übrigens einerlei ob tatsächlich die Nächte in diesen Hotels verbracht werden oder nicht.

Wir haben uns entschlossen, die erste Nacht und die letzte Nacht unseres Iranaufenthaltes im Hotel zu verbringen. Dazwischen liegen 6 Tage. Alle sechs Tage mal wieder anständig Duschen und in einem richtigen Bett schlafen, vielleicht auch die schmutzige Wäsche waschen, scheint uns angebracht, wenn man die anderen Nächte in freier Wildbahn, also fernab jedes geregelten Campingplatzes verbringt.

Auf der direkten Transitroute Türkei Iran Turkmenistan liegen im Iran drei Städte: Tabris, Teheran, Mashad. Alle drei wollen wir besuchen aber dazwischen kleine Abstecher abseits der Transitroute machen.

In Tabris und Mashad haben wir eine Hotelübernachtung gebucht.

Also, die erste Nacht in Tabris. Tabris ist eine Viermillionenstadt und daher auch für deutsche Verhältnisse eine Großstadt. Von der Grenze ist die 350Km entfernte Stadt über die 30E bequem zu erreichen. Die Beschilderung auf unserer gesamten Transitstrecke hier durch den Nordiran ist entweder in zwei Schriften oder es folgen zwei Schilder nacheinander, eines in Persisch und das andere in unseren Buchstaben.

Viele kleinere Orte an der 30E haben eine Umgehungsstrasse die mit `Ring Road` ausgeschildert ist. Die Fahrt direkt durch den Ort dauert Zeit, macht allerdings viel Spaß, man kann sich schon langsam auf die iranische Fahrweise einstellen und die asiatische Lebensweise kennen lernen. Asiatische Lebensweise heißt: keine strickte Trennung zwischen Wohn- Gewerbe- und Einkaufsbezirke wie bei uns, sondern alles zusammen spielt sich an den Hauptstrassen der mittelgroßen Ortschaften ab. Die unteren Etagen der Häuser dienen dem Handel und Handwerk, in den oberen Etagen oder im hinteren Hausbereich wohnt man. Der Bürgersteig, falls es so etwas gibt, wird in den Gewerbe- Wohnbereich einbezogen und das ganze dehnt sich sehr schnell auch mal auf die Fahrbahn aus. Natürlich gibt es keine Zebrastreifen, Fußgänger kreuzen die Strasse wo sie wollen, Fahrrad- und Motorradfahrer benutzen auch die Gegenspur, zum Überholen wird schnell mal eine dritte Spur eröffnet. Das ganze geschieht unter andauerndem Gehupe. Im Iran muss jeder Überholvorgang durch Hupen angekündigt werden. In diesem Chaos wird jedem sehr schnell klar, warum die Unfallhäufigkeit im Iran um 20% höher liegt als im Weltdurchschnitt. Andererseits liegt der Iran bei den Unfällen mit Personenschaden unter dem Weltdurchschnitt, was wiederum bedeutet, dass es sich hier um Unfälle mit Blechschäden handelt.

In den Städten ist diese Art des Wohnens und Arbeitens schon vor langer Zeit dem orientalisch-arabischen System gewichen. Hier werden Handel und Handwerk in speziellen überdachten Straßenzügen ohne Autoverkehr abgewickelt: dem Bazar.

Nur Busse und die großen LKW`s fahren im Iran mit Diesel. Alles andere mit Benzin. Daher findet man in den Städtischen und stadtnahen Tankstellen keinen Dieselkraftstoff. Im Umkreis von 100 Kilometern um Teheran sollen solche Dieseltankstellen extrem rar sein. Wenn man sie nicht kennt, sucht man sich nach ihnen den Tank leer. Das nervt. Wir haben für diesen Fall vier 20Liter Ersatzkanister eingepackt, unser Bus hat nämlich seinen 70Litertank in rund 500 Kilometern aufgebraucht.

Auf dem Weg von der Grenze bis nach Tabris finden wir die Welt doch noch in Ordnung. Es gibt ausreichend Tankstellen und an jeder ist auch Dieselkraftstoff zu haben. Dennoch wollen wir auf Nummer sicher gehen und steuern bald eine Tankstelle an.

Die Prozedur hier ist erstaunlich: Bevor wir tanken können, müssen wir uns in einem speziellen Kontor einen Bezugsschein ausstellen lassen. In einer großen Kladde wird das Kennzeichen des Fahrzeuges, der Name des Halters, der Zielort festgehalten. Dann bekommen wir unseren Schein, der uns berechtigt 20 Liter Diesel zu kaufen. Jetzt muss man in der Tankstelle an der Kasse, meist ein einfacher Schreibtisch in einem leeren Büro, diesen Schein auszahlen und erhält einen Ausgabeschein für den Tankwart. Der steckt den Stutzen in den Tank und lässt laufen. Dann dreht er sich zu einem anderen Kunden um.

Diese Art der Dieselzapfsäule kennt man bei uns als LKW-Zapfsäule. Der Stutzen ist besonders groß und der Kraftstoff fließt besonders schnell. Schon läuft die Tankuhr auf über dreißig Liter. Da der Stutzen nicht selbständig abschaltet schießt bald ein Schwall Diesel aus meinem Tank, läuft über die Karosserie und ergießt sich auf den staubigen Boden, wo schon jede Menge Diesel eine riesige Lache bildet. Ich springe hinzu und schalte ab.

Der Tankwart nimmt den Stutzen und hängt ihn ein.

Dass wir jetzt mehr Diesel gezapft haben als gekauft oder Diesel übergelaufen ist, interessiert ihn nicht weiter. Schließlich haben wir als Ausländer rund das Doppelte für den Kraftstoff zu bezahlen als ein Iraner und das sind umgerechnet satte 9 Eurocent pro Liter.

Die Sache mit den Ersatzkanistern hat einen Haken: Unsere normalen 5, 10 oder 20 Liter Kanister aus Kunststoff haben eine zu kleine Öffnung für der LKW-Tankstutzen. Da braucht man noch einen Trichter oder wie in unserem Falle eine leere, abgeschnittene Wasserflasche, wenn man nicht die schweren Kanister aus Metall mitschleppen will.

„Ihr fahrt durch den Iran? Habt ihr denn keine Angst? Das ist doch viel zu gefährlich!“ Das oder Ähnliches be-komme ich regelmäßig zu hören, wenn ich jemanden unsere Reiseroute beschreibe. Vor allem aus der Familie werden solche Bedenken immer wieder geäußert.

Wer allerdings im Internet die Erfahrungen anderer Iranreisender liest kommt zu einem anderen Schluss. Der Iran sei ein sicheres, absolut ungefährliches Reiseland.

Trotzdem: auch ich sehe abends die Tagesschau oder die Heute-Nachrichten und lese ab und zu die Tageszeitung und bin absolut nicht ohne Unbehagen bei der Vorstellung durch dieses Land, („Achse des Bösen“) zu reisen.

Ich befürchte auf verschreckte, unterdrückte, niedergeschlagene Menschen, Fremden gegenüber zurückgezogen und unaufrichtig oder fanatisierte Islamisten zu treffen.

Spätestens als wir uns durch den Verkehr in Tabris kämpfen auf der Suche nach dem Hotel bekommt dieses Weltbild einen Knacks. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist irgendwie beschämend.

Da kommt ein Fremder, der kein Wort der eigenen Sprache beherrscht, noch die Schrift lesen kann verhältnis-mäßig abgerissen im Vergleich zu den städtischen Iranern in einem schmutzige Auto daher und, was so ziemlich das Schlimmste ist in den Augen Iranischer Autofahrer ist, steht mitten auf der Straße herum liest eine Karte und hält dabei den Verkehr auf..

Es dauert nicht lange, ein Fahrzeug hält neben uns, der Fahrer steigt aus und versucht uns zu helfen. Er kann die deutsche Karte nicht lesen, kann Namen und Adresse des Hotels in unserer Schrift nicht lesen. Gesucht wird irgendjemand der Englisch spricht. Längst hat sich eine Traube Menschen um unser Auto angesammelt. Einer hat Tee aus dem nächsten Laden mitgebracht und die Polizei ist auch schon da. Sie interessiert sich für unser Auto was für Landsleute wir sind „ Alemani? Good!“ Schließlich nach ausgiebiger Diskussion fahren zwei junge Männer vor uns her bis zu unserem Hotel. Nein, die wollen nichts dafür, sind freundlich und lachen viel. Überhaupt wird viel gelacht in diesem Land. Immer wieder die gleiche Situation: Autos überholen uns, hupen und man winkt uns lachen zu. Das hatten wir nicht erwartet.

Am Nachmittag beschließt Günter ein Krankenhaus aufzusuchen. Bereits in Anatolien hatte er sich von einer Ärztin Augentropfen und Salbe verschreiben lassen, aber das hat nicht viel genützt. Sein linkes Auge ist dick, rot und morgens voller Eiter.

Da gibt es zwar gegenüber unserem Hotel in Tabris ein kleines Krankenhaus, aber das hat um diese Zeit schon zu und eine Notaufnahme gibt es nicht. Also geht Günter in einen Fotoladen und fragt nach dem Weg ins nächste Krankenhaus. Der Inhaber ruft einen Freund mit englischen Sprachkenntnissen und seinen Bruder der ihn im Fotoladen vertritt. Gemeinsam machen die Drei sich im Auto des Ladeninhabers auf die Fahrt durch die Stadt ins Krankenhaus. Die beiden warten bis die Untersuchung beendet ist, laden Günter noch auf einen Tee ein und bringen ihn anschließend zurück ins Hotel.

 

Freitag, 08.06.07
Die direkte Transitstrecke durch den Iran verläuft von Tabris aus über eine Autobahn nach Teheran. Die etwa 680 Kilometer kann man bequem an einem Tag zurücklegen. Die Beschilderung ist wie gewohnt: immer findet sich ein Schild das wir lesen können, wenn wir auch ab und zu rätseln, ob dieser oder jener Name mit dem in unserer Karte verzeichneten identisch ist. Teheran erscheint auf den Schildern hier z.B. als Tehran.

Die Autobahn kostet Gebühren. Sie ist daher nicht annähernd so stark befahren wie unsere Autobahn. Die Ge-bühren betragen umgerechnet keinen Euro, aber es gibt auf der ganzen Strecke keine Dieseltankstelle. Im Notfall muss man rechtzeitig abfahren und sich eine Dieseltankstelle zu suchen.

Wir haben uns aber vorgenommen nicht so einfach durch den Iran zu fahren, ohne nicht wenigstens einen klei-nen Abstecher in den Süden zu machen. Wir können zwar nicht wirklich dorthin fahren wo die interessantesten Sehenswürdigkeiten des Iran liegen, Persepolis zum Beispiel, die ehemalige Hauptstadt des Perserreiches, aber ein Schlenker, nur etwa 200 Km reicht schon aus, um etwas über die historische Bedeutung dieser Region. zu erfahren.

Wir fahren also in südlicher Richtung in das Gebiet um den Takht-e Sulaiman.

Auch die Strassen in den Süden sind gut, nicht überall so breit, wie durch den Norden, aber mindestens entspre-chen sie unseren Landstrassen. Allerdings ist die Beschilderung sehr dürftig, und wenn man ein Schild findet ist es meistens in persischer Schrift. Günter versucht durch Vergleich des Schriftbildes auf den Schildern mit dem in seiner Karte den Weg zu finden. Das erweist sich als sehr ungenau mit dem Erfolg das wir uns regelmäßig ver-fahren.

Die Umgebung verändert sich, wird karger. Die Sonne gewinnt deutlich an Kraft. 35 Grad übersteigt unser Thermometer hier jeden Tag. Aber wir wissen, dies ist erst der Anfang. Auch die Menschen verändern sich, sie werden deutlich dunkelhäutiger. Der Iran ist ebenso wie der Irak und eigentlich alle Staaten hier in Zentralasien durch die wir fahren werden von großer ethnischer Vielfalt.

Wald gibt es keinen mehr, aber Ackerbau wird dennoch betrieben. Die Menschen wohnen in einstöckigen Lehmhäusern. Die kleinen Dörfer liegen da, wo sich schroffen Flusstäler ein wenig weiten und Platz machen. Hier, in diesen Oasen, wachsen auch wieder hohe Bäume unter denen Schafe und Rinder dicht gedrängt Schutz vor der Mittagssonne Schutz finden.

In kleinen Städten wird Handel und Handwerk an den Strassen betrieben, wir sehen eine Schule vielleicht gibt es auch Krankenhaus. Auf jeden Fall können wir unseren Wasservorrat auffüllen und Diesel tanken.

Immer, wenn wir in so einer Kleinstadt unser Auto abstellen um uns etwas anzusehen oder einzukaufen, ver-sammeln sich die Männer um uns. Sie wollen sehen wie unser Auto eingerichtet ist. Sie reden miteinander und lachen, irgendeiner weiß immer etwas mehr als die anderen und erklärt die Sachlage. Wir verstehen natürlich kein Wort von dem was sie sagen und über ein Hallo gehen ihre Englischkenntnisse nicht hinaus.

In Bukan überrascht uns die Dunkelheit. In diesen Breiten ist die Dämmerung zwischen Tag und Nacht deutlich kürzer als bei uns. Um 8 Uhr wird es beinahe schlagartig dunkel. Etwas außerhalb des Ortes suchen wir uns auf einem abgeernteten Feld einen Platz für die Nacht.

 

Samstag 09.06.07
Weil wir abends früh Schlafen gehen, können wir am nächsten Tag auch früh aufstehen. Das erste Frühstück lassen wir in der Regel ausfallen, auch auf den Kaffee verzichten wir sondern fahren erst mal ein oder zwei Stun-den. Das mit dem Aufstehen und weiterfahren geht bei uns sehr schnell und so verpassen wir prompt der Ab-zweigung kurz hinter unserem Schlafplatz, was wir natürlich noch gar nicht wissen konnten.

Nach einer Stunde ist es uns klar, wir haben uns verfahren. Rechts von uns liegt ein Stausee der hier laut Günter nichts zu suchen hat, und hinter einer Kurve treffen wir unvermutet auf eine Straßensperre. Diesmal allerdings nicht von der Polizei, sondern vom Militär. Polizeikontrollstellen gibt es viele, im Norden deutlich mehr als weiter südlich, aber da sie uns in Ruhe lassen und fast ausschließlich an Lkws interessiert sind, bemerken wir sie schon gar nicht mehr.

Hier handelt es sich um eine Militärabsperrung. Wir dürfen nicht weiterfahren. Warum wissen wir nicht aber die Soldaten lassen nicht mit sich diskutieren. Ein Mann in Zivil, aber scheinbar der Vorgesetzte der Truppe hier, erklärt uns den Weg richtig, aber wir können seine Kilometerangabe nicht verstehen. Wir deuten seine Gesten als 20 Kilometer wo er eigentlich 50 meinte. Also drehen wir um und biegen nach 20 Kilometern in die nächste Seitenstraße ein. Der Weg endet in einem Dorf. Wir stehen ziemlich unschlüssig herum, als aus einer Bäckerei ein Bäcker in weiß auf uns zu kommt und uns einen Arm voll mit diesem leckeren Fladenbrot schenkt. Wir nut-zen die Gelegenheit nach dem Weg zu fragen und die Bäcker, die schon alle aus dem Laden herausgekommen sind weisen uns eindeutig zurück.

Also das Fladenbrot gut verstaut, damit es nicht im Wagen zerbröselt, denn essen können wir diese Menge nicht, und zurück zur Straßensperre.

Dort ist man erstaunt dass wir schon wieder da sind. Der Vorgesetzte wird auch gleich etwas ungeduldiger und als ihm schließlich klar ist, dass wir einfach nicht verstehen geht er in das Wachgebäude, holt seine Tasche und steigt bei uns in das Auto. Ich vermute, er nutzt die Gelegenheit und macht einfach früher Feierabend.

An der Abzweigung erkennen wir unseren Fehler. Vier Stunden umsonst durch die Gegend gekurvt.

Der Soldat steigt aus, er will weiter nach Bukan. Wir wollen ihn heimfahren, aber er winkt ab. Er wird sich an die Strasse stellen und das nächste Auto in seine Richtung wird anhalten und ihn für den üblichen Obolus mit-nehmen. So funktioniert das hier auf dem Land ebenso wie in den großen Städten im Norden. Sehr praktisch.

Wir fahren noch ein Stück und machen erstmal Kaffe in einem breiten Tal mit schmalem Flusslauf. Es gibt noch eine halbe Melone von Gestern. Das Fladenbrot ist längst hart und ungenießbar.

Um 13:15 sind wir am Ziel. Das Land ist unvermittelt angestiegen, Mehrere Pässe mussten wir überqueren, der höchste lag auf 2332 Meter, aber auf gleichbleibend guter Straße. Auf einer der langgezogenen Steigungen hatte ich eine Schrecksekunde. Im Rückspiegel sehe ich wie dicke, schwarze Russschwaden aus meinem Auspuff gestoßen werden. Wenn der Motor jetzt schon verreckt?

Aber ein Blick nach vorn beruhigt mich: alle Dieselfahrzeuge die unter Last den Berg hinauf schleichen ziehen eine schwarze Fahne hinter sich her. Das ist eben kein V-Power und auch nicht der gute Eurodiesel, den ich da in meinen Tank fülle, sondern mit anderen Worten der letzte Dreck.

Takht-e Sulaiman, was übersetzt etwa Thron des Salomon heißt, befindet sich in einer Vulkanlandschaft. Einer der erhaltenen aber erloschenen Vulkane ragt über 100 Meter kegelförmig aus der Landschaft heraus. Er besteht aus hartem Lavagestein auf dem er recht leicht zu besteigen ist.

Allerdings sollte man nicht vergessen, dass man bereits über 2000 Meter hoch ist und die Sache nicht ganz so schnell und unüberlegt angehen wie ich. Möglichst auch nicht wie ich in leichten Sandalen und vielleicht doch auch eine Flasche Wasser und irgendeine Kopfbedeckung mitnehmen.

Der Blick über den Kraterrand ins Innere fällt mir nicht leicht. Die Innenwände bilden einen kreisrunden Schlot mit etwa 50 Metern Durchmesser und fallen wieder schwindelerregende 100 Meter senkrecht in die Tiefe. Ganz unten steht Wasser und bildet einen ebenso runden See.

In Sichtweite des Vulkans lag ein weiterer Vulkan, dessen Kraterwände schon vor sehr langer Zeit abgetragen wurden. Um den kreisrunden See haben sich schon in frühester Zeit Menschen angesiedelt. Die Mauer um die gesamte Anlage mit dem See im Mittelpunkt ist gut erhalten, zum Teil mit Hilfe der UNESCO wieder aufgebaut. Die Achämeniden, 500 v.Chr., bekannt ist vielleicht der Name eines Ihrer Könige: Kyros, haben den Hauptbe-standteil der bis heute erhaltenen Reste der Anlage erbaut.

Frühere Teile gehen auf die Hethiter, 16. Bis 12. Jahrhundert v.Chr. zurück, aber bereits die Elamiter aus dem alten Testament 4. Bis 1- Jahrtausend v.Chr. haben diesen Ort als heiligen Ort verehrt.

Später, im 2. Jahrhundert n.Chr. kamen die Sassaniden, Feueranbeter und Anhänger der Religion des Zoroaster oder Zarathustra wie die Griechen ihn nannten, hinzu. Übrigens eine Religion die seit der Zeit der Achämeniden bis heute von Nordindien über den Iran bis Turkmenistan ausgeübt wird.

Zuletzt haben die Mongolen die Gemäuer als Karawanserei auf dem Handelsweg der Seidenstrasse genutzt, womit wir wieder zu unserem Thema kommen.

Alle diese Leute haben sich irgendwo in diesen Gemäuern verewigt indem sie Teile angebaut oder umgebaut, erweitert oder zweckverändert haben.

Heute ist sie zu Recht Bestandteil des Weltkulturerbes. Deswegen könnt ihr sie vielleicht auch in Google Earth finden:36,37 Grad Nord, 47,12 Grad Ost.

Das Beste aber ist: erst einmal an der Kasse den Eintritt bezahlt, habt ihr alles für euch alleine. Keine Reisebus-se, keine anderen Touristen, keine Absperrungen, keine Verbotsschilder, keine Aufpasser aber auch keine Hin-weisschilder oder Erläuterungen, die müsst ihr eurem Reiseführer entnehmen.

Ihr könnt ungestört durch den Feuertempel, über die alte Stadtmauer durch die Speichergebäude streifen immer mal wieder eine der zahlreichen Tonscherben aufheben, in der Hand halten aber nicht im Entfernten daran den-ken eine mitzunehmen. Werdet ihr damit an der Grenze entdeckt kommt ihr unweigerlich in den Knast. Nicht nur im Iran, sondern auf jeden Fall auch in Turkmenistan.

Ihr könnt euch aber ungestört auf den erhobenen Stein am Seeufer stellen von dem aus die Könige zu ihren Ed-len gesprochen haben und euch vorstellen: genau hier hat vielleicht mal König Kyros selbst gestanden, oder später vielleicht auch Alexander der Große, nachdem er 333 die Achämeniden besiegt hatte.

Keine Autobahn, kein Fluglärm, nichts wird euch in euren Betrachtungen stören. Nur der beständig wehende Wind trägt hin und wieder das Geschrei der Lämmer die sich an der Außenseite der Mauer in den Schatten drän-gen zu dir herüber.

Günter ist ganz in seinem Element. Längst hat er alles aus jeder Perspektive fotografiert, auch weiter hinten, da wo einige Männer in weißen Overalls mit Ausgrabungen beschäftigt sind hat er keine Probleme. Ich bin Über-zeugt, seine usbekische Kopfbedeckung ihm dabei hilft bei Leuten islamischen Glaubens sofort Vertrauen zu gewinnen.

Wir müssen weiter. Die nächste Strecke führt durch ein karges Gebirge zurück in den Norden. Die Strasse ist gut, aber es gibt keine Begrenzung und keine Reflektoren. In der Nacht möchte ich nicht hierher herfahren müs-sen. Die Beschilderung ist schlecht aber Günter meint immer es gibt hier keine Möglichkeit mehr sich zu verfah-ren. Er hatte Recht.

Irgendwann entdecke ich einen alten amerikanischen Straßenkreuzer im Rückspiegel. Im Iran sieht man solche Fahrzeuge, noch aus der Zeit des Shahs, häufig. Er ist sicher schneller als wir, macht aber keine Anstalten zu überholen. Fährt mal ganz dicht auf, lässt sich dann aber weit zurückfallen. Die Männer im inneren machen auf mich keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck, zerzauste Haare, dichte Bärte.

An den Baustellen, die jetzt kommen sind wir im Vorteil Ich brauche nicht mit dem Tempo runterzugehen, auch wenn Günter mich daran erinnert, dass wir mit dem Auto noch nach Peking wollen und vielleicht auch noch zurück. Der Schlitten hinter uns muss bei jeder Baustelle abbremsen, holt danach aber schnell wieder auf.

Jetzt überholt er, fährt vor uns ganz nach rechts auf den Schotterstreifen, hält an und der Fahrer winkt aus dem Fenster wir sollen stehenbleiben.

Was jetzt. Auf den Standstreifen fahren oder einfach weiterfahren? Wir bleiben auf der Strasse stehen, Motor läuft, Fenster und Türen zu und abgeschlossen.

Die hintere Tür des Autos öffnet sich, eine Frau mit langem Gewandt und Kopftuch steigt aus, läuft auf uns zu und klopft lachend an Günters Fenster.

Der kurbelt runter.

Hallo sagt sie und weiter auf Englisch Wie geht es euch? Ich hab hier ein Geschenk für euch. Sie reicht Günter ein kleines grünes Buch in Taschenbuchformat. Ich frag schnell ob ich ein Foto von Ihr machen könnte, obwohl man iranische Frauen nicht fotografieren soll. Natürlich sagt sie.

Ich mache das Foto, sie läuft winkend zurück zu dem Auto, jetzt winken alle aus den Fenstern und fahren weiter.

Was war das für ein Buch? Tja, wir dachten zuerst es muss sich wohl um den Koran handeln. Aber das Buch enthielt des Mathäusevangelium auf Englisch und Persisch. Die Leute in dem amerikanischen Straßenkreuzer sind armenische Christen.

Wir treffen wieder auf unsere Transitstrecke ca. 490 Kilometer vor Teheran. Die Autobahngebühr beträgt 6500 Wichtig ist: im Iran gibt es zwei Währungen, den Rial und eine alte, den Tuman. Es gibt aber nur Rial-Scheine. 1000 R sind 100 T. Durch die Einkäufe haben wir gelernt, dass die Leute wenn sie 5000 sagen 5000T meinen und 50000R wollen.

Das überlasse ich Günter. Der Mann an der Autobahnzahlstelle sagte 5000 Günter gab 50000R. Falsch. Der Mann meinte Rial wie in staatlichen Behörden allgemein üblich. Hätte also 5000R bekommen sollen. Da aber auch hier wie beim Diesel gilt, dass du als Ausländer das Doppelte zahlen musst von dem was die Einheimischen zahlen müssen, wollte unser Kassierer 10000R obwohl auf der Anzeige 5000 stand. 9000R entsprechen einem US$. Also: Überlassen wir das besser Günter.

Wir übernachten auf einer Autobahnraststätte, es gibt nur Stehklos, aber sauber, das Essen ist gut und billig, die Bedienung sehr zuvorkommend.

Nach dem Essen, für uns noch etwas ungewohnt: vor unserem Auto hat jemand seinen Gebetsteppich ausgebrei-tet und betet. Wir warten bis er fertig ist und suchen uns hier auf der Raststätte einen guten Standplatz.

 

Es gibt kein Diesel an der Tankstelle. Am nächsten Morgen müssen wir die Autobahn an der Ausfahrt Takestan verlassen. Tankstellen entdeckt man in der Regel an langen Schlangen wartender Autos. Häufig handelt es sich dabei um Pkws oder kleinere Lkws. Viele Toyota-Kleinlaster gibt es hier. Die fahren mit Benzin und werden für kleinere Transporte angeheuert.

Die Dieselsäulen sind in der Regel frei, allenfalls ein oder zwei LKW, so dass man keine langen Warteschlangen hat. Diesmal Tanken wir vorsichtshalber zwei Ersatzkanister voll. Damit fährt man viel entspannter und fängt nicht schon nach dem halben Tank das Suchen nach einer Dieseltankstelle an.

Wir kommen durch Qazrin. Orte an den Landstrassen im Norden des Iran muss man langsam anfahren. Immer sind sie durch Drempel, wie die Holländer sagen, vor Rasern abgesichert. Solche Hindernisse erstrecken sich über die gesamte Fahrbahnbreite. Man erkennt sie daran, dass sich der Verkehr vor ihnen kurzfristig aufstaut.

Ist man alleine auf der Fahrbahn und hat nicht jemanden wie Günter dabei, der die entsprechenden Verkehrs-schilder im Auge hat, kann man sie leicht übersehen und wird dann von so einem Drempel knallhart erwischt. Meist sind sie sinniger Weise mit Polizeikontrollstellen kombiniert.

In Qazrin entdeckt Günter sofort den Eingang zum Bazar. Wir suchen einen Parkplatz und gehen mal hin. Tat-sächlich ein sehr großer, gut ausgebauter Bazar. Die schönsten Motive für Günters Kamera. Noch nicht gefrühs-tückt? Kein Problem. Selbst zu früher Stunde kann man viele leckere Sachen essen. Hier, diese Garküche bietet das beliebte Essen aus Hammelkopffleisch an. Das Fleisch wir vom Kopf abgekocht und dann leicht angebraten. Den Gästen serviert man dazu kleines rundes Fladenbrot und Gemüse nach Wunsch. Gegessen wird es wie die original Pekingente: Etwas von dem Fleisch auf das Brot, Gemüse wie gewünscht dazu, das ganze zusammenrol-len und essen. Dazu wird grüner Tee getrunken. Für uns noch etwas früh für solchen Schmaus. Mit rohem Grün-zeug bin ich sowieso etwas vorsichtig.

In einem Laden kaufen wir uns zwei traditionelle Hosen. Wir schauen uns so um und Günter fragt nach dem Preis. Der junge Verkäufer druckt 5000 auf seinen Taschenrechner. Wir kaufen zwei Hosen, bezahlen 10000, also etwas weniger als einen Euro und verlassen den Laden. Der Verkäufer kommt uns nachgelaufen und reicht Günter 5000 zurück. Warum? Der Händler erklärt gebärdenreich und Günter versteht: Der meinte beide Hosen für 5000.

Weiter geht die Fahrt zurück auf die Autobahn und gegen Abend erreichen wir Teheran.

 

Sonntag 10.06.07





Teheran ist die Hauptstadt des Iran. Die Stadt hat 12 Millionen oder aber nur 10 Millionen Einwohner, je nachdem welchen Reiseführer man aufschlägt. Jedenfalls ist sie die größte Stadt des Iran und soll sich durch besonders chaotischen Straßenverkehr auszeichnen.

Darum jetzt noch ein paar Besonderheiten im Straßenverkehr: Kreisverkehr kennen die Iraner schon länger als wir. Besonders in den Städten. Was man aber unbedingt wissen muss: auch beim Einfahren in den Kreisverkehr gilt hier die Regel Rechts vor Links. Also keinesfalls hat der, der sich im Kreis befindet Vorfahrt, sondern immer der, der in den Kreis hineinfährt.

Das heißt aber nicht, dass die Fahrzeuge im Kreis stehenbleiben, wenn ihr von rechts in den Kreis hineinfahren wollt. Angehalten wird nur im äußersten Notfall. Es wird abgebremst und von Dir erwartet zügig in den Kreis einzufädeln. Das schlimmste Vergehen eines Autofahrers ist die Unterbrechung des fließenden Verkehrs.

Das gilt vor allem auch im Verhältnis Autofahrer – Fußgänger. Als Fußgänger betritt man die Fahrbahn sobald die äußerst rechte Spur eine Lücke zwischen den Autos entstanden ist. Dann zügig weitergehen, der Autofahrer in der zweiten Spur wird in die Lücke der ersten Spur wechseln. Auch in der dritten Spur wird sich eine Lücke finden, wenn der Autofahrer in eine andere Spur wechseln kann. Kann er nicht, muss der Fussgänger auf seiner Position verharren, bis sich eine Lücke findet.

Ich habe natürlich am ersten Zebrastreifen angehalten um einen Fußgänger, der sich bereits auf der Strasse befand, über die Strasse zu lassen. Prompt wich der erschrockene Fussgänger zurück, an den Straßenrand. Die Autos hinter mir quittierten mein Fehlverhalten mit einem lauten Hupkonzert.

Nach meiner Erfahrung klappt das Autofahren am besten, wenn ich nicht in den Rückspiegel schaue sondern mich ausschließlich nach vorn orientiere. Alles was sich vor mir abspielt, sicherheitshalber noch die Autos die neben mir in Sichtweite auftauchen, berücksichtige ich für mein Fahrverhalten. Nichts anderes machen die Autos vor mir auch. Wenn sie die Spur wechseln wollen blinken sie oder auch nicht, sie wechseln einfach und ich muss das rechtzeitig erkennen und ebenfalls die Spur wechseln, langsamer werden oder noch möglichst schnell auffahren und die Lücke vor mir schließen.

Mit anderen Worten es wird immer und überall gedrängelt Aber das Schöne dabei ist: der Verkehr fließt.

Blinkende Ampeln kennt man hier auch. Bei uns werden Ampeln vor allem in der Nacht, wenn die Strassen leer sind abgeschaltet. Dann blinkt die Ampel gelb auf der Seite die Vorfahrt achten muss.

Hier werden Ampeln vor allem wegen zu hohen Verkehrsaufkommens in der Stadt abgeschaltet. Dann blinken die Ampeln auf der Vorfahrt berechtigten Seite gelb, auf der Vorfahrt achten Seite blinken sie rot. Man erkennt: im Iran setzt man zumindest im Straßenverkehr auf Selbstregelung und Eigeninitiative.

An vielen großen Kreuzungen gibt es neben der Ampel ein besonderes Schild, auf dem in großen Leuchtziffern die Sekunden der jeweiligen Ampelphase von 70, 60 oder 40 zurückgezählt werden. Die Polizei kann auch direkt die Ampelanlage steuern. Dann erscheinen auf den Leuchtziffernschildern statt einer Zahl die Buchstaben PO.

Manchmal ist es schon seltsam wie unterschiedlich, ja geradezu gegensätzlich die Philosophie ist. Hannah, meine Tochter, hat im letzten Jahr mit 17 ihren Führerschein gemacht. Bis zu ihrem 18. Geburtstag durfte sie nur in Begleitung bestimmter dazu berechtigter Personen ans Steuer.

Auch im Iran kann man bereits mit 17 den Führerschein machen, darf aber im ersten Jahr nur alleine, ohne Mitfahrer selbst fahren.

Das Taxifahren im Iran habe ich schon mal angedeutet. Jeder kann mit seinem Auto andere Personen gegen Geld transportieren. Ich weiß nicht wie die Preise vereinbart werden oder ob es einen bestimmten Satz gibt aber es geht sehr schnell. Steht jemand am Rande der Fahrbahn auf der Strasse, will er mitgenommen werden.

Ein Autofahrer, der dazu bereit ist hält an, der Kunde steigt ein und los geht’s. Von langen Preisverhandlungen habe ich nichts bemerkt.

Zu den Zeiten an denen viele Berufspendler mit dem Bus in der Stadt eintreffen sammeln sich an den Bushaltestellen viele solcher Privattaxis. Sie bilden dichte Trauben um diese Haltestellen, warten auf Passagiere in die Stadtmitte und stellen dabei die halbe Fahrbahn zu. Ihr ständiges Ankommen und Abfahren geschieht für uns unvermittelt. Am besten man fährt nicht auf der äußerst rechte Spur.

Wir erreichen Teheran am frühen Nachmittag. Günter hat in Tabris vom Augenarzt die Auflage bekommen in Teheran noch mal einen Arzt aufzusuchen. Sein Auge ist nicht viel besser geworden. Also fahren wir gleich mitten in die Stadt hinein und beginnen uns durchzufragen. Schließlich parken wir vor einem Kiosk und es dauert nicht lange, ein Iraner kommt auf uns zu und fragt auf Deutsch ob er irgendwie helfen kann.

Er erklärt Günter wo das nächste Ärztehaus ist und wie der Augenarzt heißt. Günter macht sich auf den Weg. Der Iraner entpuppt sich als Exiliraner, der seit zwanzig Jahren in München lebt und wegen einer Erbschaftsangelegenheit einen längeren Aufenthalt in Teheran hat. Er wohnt in dem Hotel vor dem wir zufällig gelandet sind und bietet seine Hilfe an.

Während Günters Abwesenheit sitze im Bus und koche Kaffe. Es dauert nicht lange, ein Uniformierter erscheint und will irgendetwas von mir. Wir können uns nicht verständigen. Schließlich kommen drei junge Leute hinzu und übersetzen ihn Englische. Der Uniformierte ist hier in dieser Strasse Parkwächter und muss von den Autofahrern die hier stehen wollen eine Parkgebühr kassieren. Ich lasse ihm erklären, dass ich leider kein Geld habe, mein Freund sei mit dem Geld ins Krankenhaus gegangen und wir müssen auf seine Rückkehr warten. Der Parkwächter sagte mir er sei in einer Stunde zurück und würde dann kassieren.

Inzwischen hatte sich der Exiliraner selbständig auf den Weg ins Krankenhaus gemacht um nachzusehen wo Günter so lange bleibt. Unser Iraner kennt den Augenarzt persönlich. Im Krankenhaus sorgt er dafür, dass Günter sofort an die Reihe kommt, obwohl noch jede Menge Patienten vor ihm dran sind. Zweiklassenmedizin auf Iranisch. Die Behandlung kostet umgerechnet knapp 10 US$. Zuzüglich der 2US$ für die neuen Medikamente. Eben kommen die beiden zurück, eine Schweizerin im Schlepptau. Lilian ist in Asien mit dem Motorrad unterwegs. Mit ihrem Vater hinten auf dem Soziussitz.

Sie werden noch ein paar Tage in Teheran zubringen bis sie die Visa für Turkmenistan besorgt. Wenn das nicht klappt, wollen sie Richtung Pakistan. Das ist der Nachteil oder Vorteil, wenn man sich die Visa unterwegs besorgt. Man muss/kann einen längeren Aufenthalten einlegen, und unter Umständen ganz umdisponieren.

Ich beobachte schon seit längerem zwei Jungen, unter 18 vor dem Hotel. Hin und wieder sprechen sie gleichaltrige junge Passanten an, zeigen ihnen etwas verdeckt in ihrer Hand, gehen ein Stück mit ihnen, verhandeln scheinbar und manchmal wechselt irgendetwas den Besitzer.

Als sie bemerken, dass ich sie beobachte kommen sie zu mir ins Auto und zeigen mir womit sie handeln. Es sind Päckchen mit Spielkarten. Ich hole meine eigenen Karten heraus und wir vergleichen die Bilder und Symbole. Der Parkwächter kommt zurück und während ich ins Kaffee gehe um von Günter Geld zu holen sitzen die Drei im Auto und beschäftigen sich mit den Spielkarten.

Zwei weitere Schweizer finden sich im Hotel ein: Kurt und Nathalie. Sie sind mit dem Fahrrad unterwegs.

Beide nur etwas jünger als Günter und ich, haben ihren Job gekündigt um diese Reise, Ende offen, durchführen zu können.

Abends fahren wir alle mit dem Taxi in den Norden in ein Armenisches Restaurant und essen sehr gut wenn auch eigentlich zu teuer für unseren Etat.

Von den vielen Dingen über die wir nach dem Essen so gesprochen haben muss ich noch eines erwähnen. So zu sagen ein Nachtrag: Seit Mitte Türkei schon kann man auf den Weiden in Straßennähe große, zottelige, verwahrloste Hunde herumstreunen sehen. Nicht selten in kleineren Rudeln. Manchmal laufen sie bellend auf die Strasse und hinter den Autos her. Hin und wieder erwischt es einen dabei. Nicht wenige bleiben dann tot am Straßenrand liegen. Für uns stellen diese Tiere kein großes Problem dar. Aber sowohl die Motorradfahrer und ganz besonders die Fahrradfahrer berichten von unschönen Zusammentreffen mit diesen Kötern, und haben vor ihnen zu Recht großen Respekt.

Wer die Reisen der Schweitzer verfolgen will, kann das im Internet tun: www.lilianmoro.blog.ch die Motorradfahrer und www.Kuna-tour.ch die mit ihren Rädern unterwegs sind.

 

Montag 11.06.07





Was sich in Teheran unserer Meinung nach zu sehen lohnt darf nicht fotografiert werden. Da fällt die Entscheidung leicht am nächsten Morgen unseren Abstecher ans Kaspische Meer zu unternehmen.

Wir verlassen heute 7:00 Uhr, bei 23 Grad und strahlendem Sonnenschein, was anderes gibt es für uns gar nicht mehr, Teheran.

Die kürzeste Transitroute nach China führt von Teheran über Autobahn und gute Landstrassen direkt ins 650 Kilometer entfernte Mashhad.

Wir verlassen hier dies Route, die wir unter uns bereits nur noch `die Seidenstrasse` nennen und begeben uns nach Norden um zu sehen, ob die Iraner so etwas wie eine Strandkultur haben.

Durch das schroffe Gebirge nördlich von Teheran, wo auch Wintersport möglich sein soll, mit viel Staub, viel LKW und große Hitze kommen wir nach Mahmudabad ans Kaspische Meer. Und an den nächsten öffentlichen Strand. Und sofort stellen wir gemeinsam fest: die Iraner haben keine von uns wahrnehmbare Strandkultur.

Der öffentliche Strand nimmt sofort jede Lust am Baden, wir steigen lediglich fürs Foto in die Fluten. Günter meint, wir seien auf der öffentlichen Müllkippe gelandet. Und das, obwohl wir eigentlich die Meinung vertraten, der Iran se, gemessen am südlichen Europa, geradezu vorbildlich sauber.

Iranische Familien am Meer. Dass sieht so aus. Die Männer in dunklen Hosen und weißen Hemden, die Hosen-beine bis kurz unter die Knie hochgekrempelt, Schuhe aus aber bitte die Socken anlassen. Fersen haben traditio-nell etwas Aufreizendes. Sie müssen verdeckt bleiben.

Frauen können einem spätestens jetzt Leid tun und nur die kleinen Kinder haben wirklich Spaß am Wasser.

Etwas weiter abseits tummeln sich tatsächlich ein paar junge Männer in kurzen Badehosen im Wasser, nicht anders angezogen als wir es gewohnt sind. Also ziehen auch wir unsere Badehosen an und ich muss feststellen: ich habe meine vergessen. „ Hast wohl selbst deine Klamotten gepackt“ Günters Spott muss man abkönnen „und was machst du wenn wir übermorgen nach Mallorca fliegen?“

Aber irgendeine Hose tut es hier ja auch. Schließlich sind wir im Iran!

Das Wasser ist angenehm warm, weniger salzig als unsere Ostsee. Auch der Seegang lädt eigentlich zum länge-ren Verweilen ein. Aber es fehlt einfach das Ambiente: halbwegs sauberer Strand, Leute beim Sonnenbaden, Ballspielen, Sandburgen bauen; oder ein völlig leerer sauberer Strand. Kurz, uns kann das hier nicht locken.

Am Nachmittag fahren wir noch eine ganze Weile an Feriendörfern gehobener Qualität vorüber, direkt am Strand gelegen. Sie könnten so auch in Spanien oder Italien stehen. Für Unbefugte sind sie durch eine bewachte Schranke gesperrt.

Nehmen wir also einfach an, dass der Strand hinter solchen Anlagen vielleicht doch etwas eher unseren Vorstel-lungen entspricht.

In Behshahr machen wir eine kleine Pause. Autowerkstätten und Tankstellen gibt es im ganzen Norden des Iran entlang der Fernstrassen genug. Aber manchmal scheinen es die Iraner damit doch ein wenig zu übertreiben.

So fährt man immer mal wieder durch Dörfer in denen sich die Autoreparaturwerkstätten sammelt. Eine Doppel-garage an der anderen jede eine selbständige Autowerkstatt. Dahinter eine zweite und dritte Reihe.

Vor jeder dieser Werkstätten stapeln sich alte LKW-Reifen. Motorteile, ganze Motoren und Getriebe zum Aus-schlachten. Die Luft ist dieselgetränkt, der Boden in weitem Umkreis ölverseucht. Nach deutschem Maßstab Millionen Tonnen Sondermüll Aber die Menschen leben hier. Kinder gehen zur Schule, Frauen gehen zum Markt, Männer hocken neben Ölpfützen und trinken Tee.

Die Iraner müssen schon gute Automechaniker sein. Das Embargos gegen Ihr Land zwingt sie dazu die alten Lastwagen gut zu warten und möglichst lange fit zu halten.

Wir übernachten auf dem Parkplatz einer Raststätte bei Ali Abad. Es gibt saubere Stehklos und Wasch-gelegenheit im Freien. Wer`s braucht findet auch Gebetsräume getrennt nach Geschlechtern. Nachts hält einmal ein Polizeiauto neben uns, es steigt aber niemand aus und nach wenigen Minuten fahren sie weiter..

Tagsüber ist es jetzt schon so warm, dass unser Auto auch in der Nacht kaum abkühlt und wir nicht wirklich gut schlafen.

 

Dienstag 12.06.07



Die Hitze steht im Auto, aber wir wagen noch nicht mit offener Türe irgendwo im Auto zu übernachten. Um 4:30 aufstehen, um 4:45 losfahren, wie gewohnt. Ich hab noch mal eine Straßenaufnahme am frühen Morgen gemacht, damit ihr seht, wie gut die hier sind.

Wir fahren durch einen fruchtbaren Landstrich. Ausgedehnte Getreidefelder beiderseits der Strasse. Irgendwo hinter Ali Abad stehen große, neue Getreidesilos. Lange Schlangen Lkws, hoch voll mit Getreide, warten auf die Abfertigung. Wir halten an, um Fotos zu machen. Das war ein Fehler! Wirtschaftliche, wissenschaftliche, Militä-rische Anlagen sowie Gebäude mit hohem öffentlichen Interesse dürfen im Iran nicht fotografiert werden.

Schon kommt irgendein Offizieller mit strenger Mine über die Strasse und macht uns unmissverständlich klar, dass wir das Fotografieren unterlassen sollen und sofort weiterzufahren hätten.

Wir sind noch mal glimpflich davongekommen. Er hätte von uns den Film aus Günters Kamera verlangen können.

Das Land steigt langsam an, die Felder weichen einem dichten Laubwald der sich etwa 30 Kilometer hinzieht, dann wird er allmählich lichter, die Berge schroffer. In 1800 Metern Höhe geht die Landschaft in Wüste über. Das Außenthermometer zeigt 47 Grad an, Zeit für einen Stop in einem Rastdorf.

Am Nachmittag erreichen wir Mashhad, die letzten 100 Kilometer über die Autobahn. In Mashhad hatten wir bereits für die Visa ein Hotelzimmer gebucht, weil wir aber einen Tag früher in Mashhad eintreffen als eigentlich beabsichtigt buchen wir unser Zimmer für einen weiteren Tag. Das Zimmer kostet 55 Dollar. Nicht gerade billig, aber Mashhad ist ein Wallfahrtsort. Hier ist die Grabstätte des neunten Imam Ali. Immer befinden sich Pilger hier und günstige Hotelbetten sind rar.

Die viele Pilger machen die Stadt reich. Das spürt man auch an den Preisen die hier um einiges höher sind als in anderen Städten des Iran.

 

Mittwoch 13.06.07






Mehr als in anderen Städten fallen mir hier in Mashhad die vielen verschleierten Frauen in den Strassen auf. Jeder weiß, dass die Frauen im Iran ihre Wohnung nur verschleiert verlassen dürfen.

Also sieht man in der Öffentlichkeit nur verschleierte Frauen. Die allermeisten von Ihnen tragen ein schwarzes Gewandt das sie von Kopf bis Fuß bedeckt. Sie halten es unter dem Kinn zusammen oder verdecken gar ihren Mund damit. Noch dazu hat Günter festgestellt, dass die Frauen hier deutlich kleiner sind als die iranischen Männer. Stimmt, jetzt wo ich darauf achte, muss ich zustimmen: iranische Frauen sind deutlich kleiner als iranische Männer.

Die älteren Frauen wirken scheu, drücken sich in irgendwelche Strassen oder Hauseingänge hinein, wenn sie alleine einem Ausländer begegnen, oder suchen Begleitung anderer Frauen, dann gehen sie schnell, geduckt weiter. Die Jüngeren wirken eher selbstbewusst, machen auf mich oft einen intellektuellen Eindruck, sind un-nahbar, fast schon arrogant die Art wie sie weggucken und die Richtung wechseln, wenn man plötzlich unerwartet vor ihnen steht. Schon seltsam.

Dabei muss Frau nicht unbedingt von oben bis unten in Schwarz eingehüllt gehen. Es geht auch anders. Also sage ich mir, dass die Frauen es auch irgendwie selbst in der Hand haben, wie weit sie sich verstecken oder nicht.

Auf dem Foto `wo zieht frau das an´ sieht man, dass der Verkäufer sogar der Schaufensterpuppe die Waden mit Zeitungspapier verklebt hat. Tatsache ist, dass im Iran viele Aktivitäten ,die bei uns in Kneipen oder Diskos stattfinden, privat durchgeführt werden. Angeblich soll es auf solchen Feiern hoch hergehen.

Im Übrigen haben Günter und ich gleichzeitig den Eindruck, wo Frauen in der Öffentlichkeit arbeiten, sei es im Hotel, in einer Raststätte oder auch beim Zoll, sind sie es, die das Sagen haben.

Was soll man dazu noch sagen? Ich glaube sie werde das untereinander ausmachen. Irgendwelche Tips von Außen sind da eher hinderlich.

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